Wie alles begann ...

 

Nach Jahren in Spanien, indem ich von Anfang an das Problem der vielen weggeworfenen und misshandelten Tiere mitbekam und nur entsetzt war, wie herzlos und grausam oft Menschen sind, ihr Leben und ihr Wohlbefinden über alles stellen, entschied ich mich, etwas Durchgreifendes zu machen. Ich wollte hier etwas verändern. Etwas, das keiner bis jetzt gemacht hatte und für mich das Logischste war.

 

Mein einschneidendes Erlebnis hatte ich in einem sogenannten staatlichen “Tierheim”. Normalerweise werden die Tiere nach höchstens 2 Wochen eingeschläfert. Viele Tierheime füttern die Tiere bis dahin gar nicht oder kaum, um das Geld für das Futter und dann logischerweise die Einschläferung zu sparen und einzustecken. Die Tiere haben Angst, sitzen in der Kälte, hungern und sind oft verletzt und am Ende. Selbst junge Welpen liegen auf kaltem Steinboden.

 

Ich ging mit einer Freundin in das staatliche Tierheim von Cartagena. Sie behaupten von sich, gute Arbeit zu leisten und ein besseres Tierheim zu sein.

 

Ein Hund lag auf dem Boden – angefahren. Der dort angestellte Tierarzt hat ihn nicht behandelt – seine Begründung war, er bekäme kein Geld für solche Extras. Man ließ ihn einfach liegen, bis die Wartezeit abgelaufen war, um ihn dann einzuschläfern. Er konnte nicht aufstehen, sein Rücken war gebrochen. Dadurch kam er nicht an sein Futter und Wasser und lag in seinen Exkrementen, ohne Decke, in der Kälte, ohne Dach, im Winter. Wir haben drum gebettelt, ihn mitnehmen zu dürfen und ihn von unserem Geld behandeln zu lassen. Sie gaben ihn uns nicht. Erst musste die normale Zeit abgewartet werden - 14 Tage, und dann konnte man ihn mitnehmen. Wir haben alles probiert. Nach 14 Tagen bekamen wir ihn endlich und brachten ihn zum Tierarzt. Er hatte Maden in seinen offenen Wunden. Er war so schlimm dran, es war viel zu spät für ihn. Er wurde eingeschläfert.

 

Das Warum habe ich nie verstanden, ich verstehe hier eh eine Menge nicht. Selbst den meisten Tierärzten hier fehlt es an Tierliebe, und man fragt sich, wieso sie überhaupt auf die Idee kamen, Tiermedizin zu studieren. Kastrieren geht selbst den meisten Tierärzten hier in Spanien gegen die Natur, sie kennen keinen Tierschutzgedanken, und es fehlt einfach die Liebe zum Tier. Ich denke, viele studieren des Prestiges wegen.

 

Nicht alle sind so, aber die Meisten. Es ist wirklich sehr sehr schwierig, einen Tierarzt zu finden, der wirklich gut ist und uns dann die Tiere günstiger behandelt. Die Tierarztkosten hier in Spanien sind extrem hoch - eine Kastration kostet locker das Doppelte wie in Deutschland.

 

Es gibt auch nur Tierheime für Hunde - keine für Katzen. Das sind "Ratten", und um die kümmert man sich nicht.

 

Kein Spanier lässt sein Tier kastrieren - es sei natürlich, dass die Tiere Welpen bekommen, und es sei genauso natürlich, diese frischgeborenen Welpen danach in den Müll zu schmeißen, auf der Autobahn auszusetzen, zu erschlagen oder zu ertränken. Wie oft habe ich darum gebettelt, einem Spanier seine Hündin oder Katze kostenlos kastrieren zu lassen - die 3 x im Jahr Junge warf und diese dann auf der Straße landen oder getötet wurden. Aber nie gab man mir eins der Tiere - man sah nicht ein, dass das besser sei.

 

Nach all den Jahren hier, wo ich versuchte, die Tiere, die ich fand, an gute Plätze zu vermitteln und einfach nur gegen riesige und dumme Mauern ankämpfte, beschloss ich, das Problem am Schopf zu packen. Es war nie genug, was ich tat. So viele Tiere und ich hatte es nur satt. Etwas musste sich ändern.

 

Schon eine Weile schwirrte mir die Idee im Kopf herum, zumindest die wilden Straßenkatzen in dem Golfclub, in dem ich wohne, einzufangen und kastrieren zu lassen. Sie wurden dort Jahr für Jahr weggefangen und weggeschafft ... sie “verschwanden” einfach ... ich konnte und wollte diese Tatsache nicht mehr ignorieren und noch schlimmer, dem zuzusehen. Das machten schon eh alle hier mit großem Erfolg.

 

2004 fing ich an und habe bis heute (2010) ca. 340 wilde Katzen selbst eingefangen und kastrieren lassen. Was das an Arbeit ist, kann sich keiner vorstellen.

 

Die Katzen fange ich mit Fallen, und man muss sehr trickreich sein - sie sind manchmal mehr als schlau. Manche Katze geht erst nach zwei Wochen in eine Falle. Ich habe 4 Fallen und fange damit Tag und Nacht ein - neben meiner normalen Arbeit. Die Aktionen gehen jeweils ungefähr 8 - 10 Tage lang. Danach kann man nicht mehr, aber es entschädigt einen, dass all diese Tiere, die man kastriert hat, danach glücklich und gesund sind. Sie fangen sich keine Krankheiten mehr ein und setzen mir keine weiteren Jungen hin, um die man sich dann wiederum kümmern muss.

 

Alle Tiere, die kastriert werden, werden dabei entwurmt, entfloht, bekommen Augentropfen und ein Langzeitantibiotikum, das Infektionen verhindert. Zur Markierung schneiden wir ihnen die oberste Spitze eines Ohres ab und desinfizieren das gut. Sie bleiben in einer großen Box und werden versorgt, bis sie wieder fit genug sind, rausgesetzt zu werden.

 

Ich sehe danach die Katzen immer wieder - sie sind glücklich, gesund, haben zugenommen, oft sogar ein Bäuchlein und tolles Fell - und sehen einfach rundum nur gut aus. Keine hungrigen Katzenmütter mit hungrigen Katzenbabys mehr - für mich eine Erlösung und für die Katzen gewiss auch.

 

Neben den jährlichen Kastrations-Aktionen fange ich immer zwischendurch ein. Sobald mir ein unkastriertes Weibchen auffällt oder mir wieder welche ausgesetzt werden, schnappe ich sie mir. Man muss bedenken – ich wohne in einem englischen Goflclub in Spanien, der so groß wie Monaco ist. Es ist so unglaublich schwierig, das ganz alleine hinzubekommen. Denn helfen tut hier keiner.

 

Ich füttere die Katzen bei - so haben sie immer ausreichend Futter und können endlich ein unbeschwertes Leben genießen. Keine Katzenschwemme mehr jedes Frühjahr, jeden Sommer und Herbst (Katzen bekommen bis zu dreimal im Jahr Junge - jedes Mal ca. 4 Stück). Nicht mehr nicht wissen, wohin mit all diesen Tieren - das ganze Elend ist vorbei.

 

Irgendwer muss ja diesen armen Tieren helfen, es macht ja sonst keiner. Und vielleicht lernt der eine oder andere Spanier oder auch Menschen anderer Nationen daraus. Viele haben mich jetzt schon angesprochen und sind erstaunt, dass die Katzen danach leben und auch noch GUT UND GESUND aussehen. Besonders Spanier denken, dass es gegen die Natur ist und wir den Katzen einen wichtigen Teil ihres Lebens nehmen - aber nein - wir geben ihnen ein besseres Leben. Viele Menschen hier sind auch unheimlich dankbar und froh, dass endlich mal eine bessere Lösung gefunden wurde. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich hier durchfahre und alle Katzen sehe, die gesund sind und ihr Leben genießen. So soll es sein und nicht anders.

 

Und so hoffe ich einfach, dass sich langsam etwas ändert, damit die Tiere auch endlich ihr kleines Recht auf ihr Leben bekommen. Wir Tierschützer sollten einen guten Teil unserer Arbeit darauf verwenden, weitere Nachkommen dieser eh schon Unmengen an Tieren zu verhindern - es gibt nicht genug Plätze für all diese Tiere.

 

Ich habe es jetzt in diesem riesigen wohlhabenden Golf-Club gesehen, der seit 30 Jahren besteht und nie das Problem der Katzenpopulation in den Griff bekommen hat (wie auch - "Verschwinden lassen" bringt nichts ... ). Es ist machbar, und ich habe es in den 6 Jahren geschafft. Nach vielen Gesprächen und vielen guten Worten mit den sogenannten “Chefs” des Clubs hab ich es geschafft, dass diese Katzen in meiner Verantwortung sind und sie keiner mehr anfasst. Man hat mir nicht geglaubt, dass sowas funktionieren würde ... ich ehrlich gesagt habe nicht geglaubt, dass ich es schaffen und durchhalten würde. Derweil bekomme ich für die Kastrationen das Geld vom Club gestellt. Aber auch nur für die Kastrationen.

 

Als ich nun dachte, ich hätte das Schlimmste der Tierschutzarbeit hinter mir, fand Jayne mich ... sie fiel selbst aus allen Wolken, als sie aus England herzog und nach einem Monat vier Hunde hatte und es immer mehr und mehr wurden ... wir haben dann zusammen unseren kleinen eigenen Tierschutz aufgebaut. Erst nur wir zwei alleine ... Irgendwann wusste ich nicht mehr weiter, vor lauter Tierschutz, Straßenkatzen kastrieren, meinem normalen Beruf, meinen Tieren und wie alles auf die Reihe bekommen. Wir mussten uns vergrößern und brauchten aus Deutschland Hilfe, die wir mit Sandra, Marina, Caro, Stephanie und Gisela bekamen. Seit neuestem haben wir unsere eigene HP und arbeiten daran, ein eingetragener Verein zu werden. Mal sehen, was noch passieren wird ... es hat sich viel getan in den letzten paar Jahren. Nur Gutes für die Tiere, viel zu viel Arbeit für uns.


Anja Reuter – Region Murcia, Spanien